Biografie

Amen Feizabadi ist ein multidisziplinärer Komponist, Filmemacher und Performer, dessen Arbeit von Ensemble- und Orchesterwerken über hybride Musiktheaterstücke bis hin zu audiovisuellen Kompositionen reicht. Geboren 1983 in Teheran, lebt und arbeitet er zwischen Berlin und Teheran. Er studierte Integrative Komposition an der Folkwang Universität der Künste in Essen.

Die Werke von Amen Feizabadi werden von renommierten Ensembles und Orchestern wie Basel Sinfonietta (unter der Leitung von Titus Engel), Ensemble Adapter, Zafraan Ensemble, Neue Vocalsolisten, Sonar Quartett, LUX:NM Ensemble, Trickster Orchestra (unter der Leitung von Cymin Samawati), Ensemble Unitedberlin, Bochumer Symphoniker und Ensemble CRUSH aufgeführt. 

Amen Feizabadis Projekte werden weltweit auf Festivals und Veranstaltungen präsentiert, dazu zählen die Wittener Tage für Neue Kammermusik, Ultraschall Festival für neue Musik Berlin, Deutsche Oper Berlin/ Tischlerei, Klangwerkstatt Berlin, Festival NOW! Essen, Staatstheater Darmstadt, International Film Festival Rotterdam (IFFR), die Berlinale, das Festival Nano#2, Fellow Travelers in New York.

https://amenfeizabadi.com/

Feizabadi erhielt diverse Auszeichnungen und Stipendien, u.a. von der Cité Internationale des Arts in Paris, der Villa Massimo/Casa Baldi, der Kulturakademie Tarabya in Istanbul, der Akademie der Künste Berlin, vom Berliner Senat, vom Goethe-Institut, von der Friedrich-Ebert-Stiftung sowie den Sonderpreis beim VISIONEN Festival in Hannover. 


Nerven

zu Werk und Ästhetik

Benjamin Scheuers Musik »nervt«! Man möchte meinen, dass das ein etwas unhöflicher Einstieg in einen Text ist – aber es ist durchaus kein Fauxpas. Scheuers Musik lässt weder Ohr noch Auge in Ruhe, dauernd ist etwas los, sie zehrt im besten Sinne an allen Nerven der Wahrnehmung. Ruhig und in entspannter Atmosphäre, vielleicht ein Glas Wein am Kamin genießend, das ist mit Scheuers Musik nur recht schwer vorstellbar. Scheuer spielt mit Defekten, mit Verrenkungen, mit Absurditäten, mit Fehlern und Fehlleistungen kultureller Hervorbringungen aller Art. Gut zu erkennen ist das bereits an einigen Werktiteln, die ihren musikalischen Inhalt eher lapidar beschreiben, als dass sie sich in einen geschützten Kokon von hochkultureller Bedeutungshuberei verschanzen. So wird sich in einem Orchesterstück »versungen«, es geht um »Merkwürdige Metamorphosen«, um eine »Soirée der Sonderlinge«, um »Mitläufer« und »Trittbrettfahrer«, um »absurde Apparate«, »Fragwürdige Fragmente«, »Borstige Balladen«, »Kaputte Kantilenen« und schließlich »Impulsive Lieder«. Die Aufzählung ließe sich beliebig fortsetzen: Fast immer zeigen die Titel einerseits einen Griff in die Tradition, in den geistesgeschichtlichen Kanon, und andererseits wird der Kanon verbeult, vom Sockel gestoßen, mindestens aber befragt. Wie viel mehr die Titel sind als nur verspieltes Beiwerk, erschließt sich beim aufmerksamen Hören der Musik. Ein schlagendes Beispiel findet sich direkt auf Scheueres Website: Dort ist ein Partiturausschnitt wiedergegeben, in dem ganz »normale« Notation, etwa von Schlaginstrumenten, auf kleine Schweinchensymbole trifft. Man reibt sich die Augen: Sind da Schweinchen in der Partitur? Sie stehen dort zeichenhaft für die Verwendung von Gummischweinen. Zentral aber ist – und das gilt fast immer für die Musik Benjamin Scheuers –, dass diese Schweinchen nicht als »kleiner, frecher Gag« hinzutreten, womöglich sogar als Kritik an dem sonst vermeintlich so bierernsten Betrieb der zeitgenössischen Musik. Vielmehr nimmt er die Schweinchen ebenso ernst, wie alle anderen Instrumente und führt so vor, was alles und vor allem worin überall musikfähiges Material sein kann. Scheuers Musik, das zeigen die Titel, die Schweinchen, die unzähligen Zusatzinstrumente, die Alltagsgegenstände, die Alltagssituationen, der Hang zum Spiel und zum Spielzeug, traut sich etwas: Sie ist albern. Darin finden sich sicherlich einige Vorläufer und Inspirationsquellen im Bereich des »instrumentalen Theaters«. An Klassiker wie Mauricio Kagels »Staatstheater« kann man gelegentlich denken, an Cathy Berberians »Stripsody«, an die Vokalwerke eines György Ligeti ebenso wie an die wild-poetische Musik Adriana Hölszkys: Scheuer führt diese Musik weiter, entstaubt den ein oder anderen Ansatz und wagt ein anarchisches, zeitgenössisches Amalgam. Scheuers Musik schuldet einem keine Theorie, man darf getrost lachen, ja – zuweilen auch die Augen verdrehen. Anstatt Tiefe vorzutäuschen, provoziert Scheuer freundlich die Rezeptionshaltung. Wo zeitgenössische Musik gelegentlich postmoderne Ironie bemüht, die zuweilen ins Zynische abgleitet und eine distanzierte, fast überlegene Haltung einnimmt, wahrt Scheuer konsequent die Augenhöhe mit dem Publikum. Albernheit erfordert Mut, denn man zeigt sich ohne Netz und doppelten Boden. Albernheit erfordert aber insbesondere auch Timing. Traurigkeit hat Zeit, Albernheit muss sitzen. Darin liegt die Qualität der Musik Benjamin Scheuers: Sie wagt sich vor bis an die Schmerzgrenze und erlangt durch präzisen Abwurf von Konfettiwahnsinnsbomben eine Tiefe, die nur der guten Komödie vorbehalten ist: »Tutto nel mondo è burla« (»Alles ist Spaß auf Erden«) heißt es in Verdis Falstaff – und dieses Motto scheint auch über vielen Stücken Benjamin Scheuers zu stehen. »Tutti gabbati«, wir sind alle Gefoppte! Zum Glück »nervt« Benjamin Scheuers Musik. Sich ästhetisch durchrütteln zu lassen, kann gerade dann anstrengend sein, wenn man meint, schon wieder ganz genau zu wissen, wie die Welt »eigentlich« funktioniert. Scheuer rammt – dabei ganz unaggressiv – Fragezeichen in die Welt und sagt: So könnte es auch sein. (Gordon Kampe)

Amen Feizabadi: Auswahl von Kompositionen 2016 – 2026 

  • Ungezähmter Fluss [2025/26] für großes Orchester und Altstimme 
  • DEEP SIESTA [2025/26]
    Eine hybride Kammerhöroper für großes Ensemble, Stimmen, KI-generierten Knabenchor, Video, Elektronik und Bilder
  • Oh, bewildering world [2024]
    2-Kanal-Videoinstallation, 4-Kanal-Sound, KI-generierter Text, analoges Tonbandgerät.
  • SARGASHTEG  [2022/23] Eine Zyklus-Komposition 
    Akt I: Für Mezzospran und Tamburin 
    Akt II: Für Altflöte 
    Akt III: Für Mezzospran, Tamburin und Gebärdensprache/ Stimme (Deutsch)
  • COLLECTIVE OPUS 135 Expo. I & II [2021/ 2023]
    ein in hybrides, ortsspezifisches Musiktheaterprojekt für Streichquartett, Performance (Gebärdensprache)/ Tanz, Gesang, Schauspiel und Live Video 
  • NAVID [2020]
    Für Mezzosopran, persischer Gesang (online), Harfe, Schlagzeug, Altsaxophon, Posaune & 2-ch Videoprojektion, Live Elektronik und Tape
  • ORNAMENT [2019]    
    Musiktheater
  • CADENZA [2019]
    für Mezzosopran, Sopransaxophone, Posaune, Akkordeon und Analogsynthesizer
  • In V acts [2019] 
    für Flöte solo                      
  • Confession [2018]
    für Mezzosopran, Bassklarinette und Akkordeon
  • Sammelleidenschaft des Fährmanns – Erzählungen aus der Lagune [2018]
    Musiktheater
  • Manche Sachen sollte man nicht wissen [2018]
    für Sopran, Robâb und Ensemble.
  • Polyhedral Poetry of Memories [2017]
    für Mezzosopran, Bariton & Sopransaxophone und Akkordeon
  • LAGUNE [2015/16]   
    Musiktheater für Ensemble, Dialoge, Bilder, Kamâncheh und einen Erzähler 

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