Benjamin Scheuer | Paperwork und Bahnhof

Benjamin Scheuer

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Unterrichtsprojekt

von Maria Schneider

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Eine Werkeinführung von Gordon Kampe

Da sitzt der Performer inmitten eines Haufens voller Papiere, Zettel, Gedönse und einem kleinen Midi-Keyboard, mit dem er im Laufe der etwa dreieinhalb Minuten Spieldauer Samples – kleine, dezente Soundzuspielungen – ansteuern wird. Paperwork heißt Benjamin Scheuers Stück, das dieses etwas »merkwürdige« Setting vorschreibt. Paperwork – ganz sicher zunächst kein Begriff, der bei seiner bloßen Erwähnung Jubelstürme auslöst: Steuererklärungen kommen einem in den Sinn, nicht abgeheftete Rechnungen, langweiliger Büroalltag im vor-digitalen Zeitalter. In einer sehr augenfälligen Version des Stücks, die auf YouTube mit dem Performer Nikolai Rosenberg zu sehen ist, wird als Eröffnungsgeste eine Zeitung zerknittert, auf der das Wort »Leben« zu erkennen ist. Wenngleich das in der Partitur so nicht vorgesehen ist, ist es vielleicht ein schöner Zufall, denn um das Leben scheint es doch zu gehen – spielt das Stück doch nicht auf einer abstrakten Bühne, sondern gewissermaßen im Privaten des Performers: »Eventuell Einrichtung wie im Wohnzimmer, mit Stehlampe etc.«, heißt es im Vorwort. Wie so häufig in Scheuers Musik, kann auch dieses kurze, eher heitere Stück, unterschiedlich gelesen und aufgefasst werden. Einerseits als theatralisches Aperçu: Ein Performer macht merkwürdige, eher sinnlose Dinge, er arbeitet sich am Papier ab: Die Zeitung wird zusammengeknüllt, geschüttelt, rhythmisch »vorsichtig und raffiniert« in Streifen gerissen. Schließlich wird Papier ins Publikum geworfen, bevor es in einem »Papier-Groove« virtuos und rhythmisch präzise zugeht und das Backpapier schließlich als Membran fungiert, wenn es vor den singenden Mund gehalten wird. Die Geräusche aus dem Sampler begleiten die skurrilen Situationen. Andererseits – und darin liegt vielleicht sein größter Reiz – eröffnet das Stück eine produktive Ambiguität: Es bedient sich zwar komödiantischer Mittel, lässt aber zugleich eine tiefere, ernsthafte Deutungsebene zu. Spekulativ gesprochen ließe sich fragen: Ist die Zeitung nicht nur bloßes Material, sondern auch Träger einer Bedeutung? Versucht hier vielleicht jemand, die vermutlich schlechten Nachrichten loszuwerden – als wolle man die Realität selbst symbolisch entsorgen? Und ist das vor den Mund gehaltene Backpapier nicht nur ein technisches Mittel zur Erzeugung eines vokalen Effekts, sondern vielmehr ein Symbol für die Notwendigkeit, sprachliche Äußerungen zu unterdrücken? So bleibt Paperwork ein Stück, das zwischen scheinbarem Nonsens und tieferer Bedeutung oszilliert – zwischen Alltagsbanalität und leiser Verzweiflung. Was zunächst wirkt wie ein überdrehter Papierkrieg im Wohnzimmer, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als Spiel über Überforderung, Sprachlosigkeit und den Versuch, Ordnung ins Chaos zu bringen. Am Ende steht da kein Performer mehr im Papierhaufen, sondern ein Mensch, der sich durch das Dickicht des Alltags gearbeitet hat – ein wenig verknüllt vielleicht, aber hörbar.

 

Auch Bahnhof ist ein recht kurzes, halbszenisches Stück. Der Untertitel – »Performance für Klavier spielende/n Zugbegleiter/in mit Sample« fasst es bereits zusammen: wie in Paperwork, steht eine absurde, alltägliche Situation im Mittelpunkt: in diesem Fall der heitere Horror regelmäßiger Bahnfahrten. Im Gegensatz zu Paperwork, kommt mit dem Klavier hier ein »richtiges« Instrument zum Einsatz, das sehr typische, pianistische Gesten zu spielen hat, die ihre Entsprechung gelegentlich in bahntypischen Geräuschen findet. So wird das Schnaufen einer Dampflokomotive zum stampfenden Beat, die Holzbahnpfeife zur merkwürdig dreinfahrenden Akkordgeste. Der Performer quetscht zugleich unverständliche Vokalreste durch ein Megaphon, vermutlich Hinweise auf plötzliche Gleiswechsel und übliche Bahn-Unbill, die der geneigte Bahnfahrer ohnehin nicht verstehen möchte. Gelegentlich werden Durchsagen verständlich: »Wenn sie sich auf ein kaltes Getränk gefreut haben, muss ich sie enttäuschen. Die Getränke sind zwar da, aber die Kühlung ist defekt.« Und so nimmt Scheuer das Publikum mit auf eine Bahnfahrt des Grauens: Anschlussreisende, Störungen, Wildtiere im Gleis – garniert mit Resten einer Klaviermusik, die – ähnlich wie die Bahn – in der Vergangenheit einmal funktioniert hat. So wird Bahnhof zu einer paradoxen Chiffre für das Verhältnis von Ordnung und Kontrollverlust: Während das Klavier noch um Struktur und musikalische Kohärenz ringt, zerfällt die Realität des Bahnreisens längst in Fragmenten, Verspätungen und verstörend lakonische Durchsagen. Die Performance entlarvt damit nicht nur die alltägliche Absurdität des öffentlichen Verkehrs, sondern auch die hilflosen Rituale, mit denen wir ihr begegnen – irgendwo zwischen stoischem Ausharren, routinierter Resignation und einer seltsamen Form von Komik, die sich einstellt, wenn das Chaos zur Norm wird. Und vielleicht liegt genau darin die verstörende Pointe, die Scheuers Musik generell auszeichnet: Dass das Absurde längst keine Ausnahme mehr ist – sondern Betriebszustand.

Die Durchführung des Projekts Abenteuer Neue Musik mit Benjamin Scheuer fand mit freundlicher Unterstützun der Ernst von Siemens Musikstiftung statt. 
 

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