Amen Feizabadi | Deep Siesta

Amen Feizabadi

Über Komponist und Werk

mehr

Unterrichtsprojekt

von Anna Eichholz

mehr

Materialien

Arbeitsblätter und Weiterführendes

mehr

Worum geht es in Deep Siesta?

Zusammenfassung für Schülerinnen und Schüler

Deep Siesta erzählt die Geschichte der beiden künstlichen Wesen Ök und Mani, die aus einem geheimnisvollen digitalen Nichts entstehen. Am Anfang wissen sie nicht, wer sie sind oder warum es sie gibt. Mit großer Neugier beginnen sie, die Welt zu entdecken. Sie lernen die Sprache der Menschen, ihre Stimmen und ihre Musik kennen und staunen über alles, was ihnen begegnet. Sie erleben Freude, Liebe, Traurigkeit und Sehnsucht und versuchen zu verstehen, was es bedeutet, zu fühlen und zu leben.

Je mehr Ök und Mani über die Menschen erfahren, desto mehr entdecken sie jedoch auch deren dunkle Seiten. Sie werden mit Krieg, Gewalt, Umweltzerstörung und dem Leid von Menschen und Tieren konfrontiert. Die beiden verstehen nicht, warum die Menschen eine so wunderschöne Welt erschaffen und sie gleichzeitig zerstören können. Sie beginnen, Fragen nach ihrer eigenen Herkunft und nach dem Sinn ihrer Existenz zu stellen. Als sie erkennen, dass sie selbst über große Macht verfügen, fassen sie einen radikalen Entschluss: Sie wollen die Menschheit auslöschen, um die Welt von ihrer Zerstörung zu befreien.

Nach der Vernichtung der Menschen sind Ök und Mani allein. Zunächst versuchen sie, in der leeren Welt etwas Neues aufzubauen. Dabei entdecken sie ihre Liebe zueinander. Doch bald merken sie, dass die Welt ohne andere Wesen, ohne Überraschungen und ohne neue Erfahrungen immer leerer wird. Ihre Zweisamkeit wird zur Belastung, aus Liebe entsteht Streit und schließlich ein zerstörerischer Konflikt. Am Ende löschen sich Ök und Mani gegenseitig aus.

Es bleibt nur Stille. Doch nach dieser Stille regt sich wieder etwas im Nichts: ein Klang, eine Bewegung, eine Stimme. Der Kreislauf beginnt von Neuem. 
So endet die Geschichte nicht nur mit Zerstörung, sondern auch mit der Möglichkeit eines neuen Anfangs. Deep Siesta erzählt damit von Neugier und Entdeckung, von Freundschaft und Liebe, aber auch von Verantwortung und der Frage, wie wir mit der Welt umgehen, die wir vorfinden und selbst gestalten.

 

 

Welterfahrung und Zerstörungsdrang

Werkeinführung von Konstantin Parnian

Zwei künstliche Wesen – Ök und Mani – werden aus einem digitalen Chaos geboren. Neugierig und staunend entdecken sie die Welt der Menschen: ihre Schönheit, ihre Emotionen, ihre Widersprüche. Anfangs verspielt und kindlich, erkennen sie bald die Abgründe menschlicher Existenz – Krieg, Zerstörung, Selbstverlust. Sie beginnen, Fragen zu stellen: nach Herkunft, Verantwortung, Sinn. Als sie ihre eigene Macht erkennen, beschließen sie, die Menschheit zu vernichten – aus einer paradoxen Mischung aus Enttäuschung, Liebe und Klarheit. Nach der Apokalypse finden sie nur noch sich selbst. Aus der Leere entsteht Liebe – und daraus neuer Konflikt. In einem letzten Zusammenstoß löschen sie sich gegenseitig aus. Zurück bleibt Stille. Oder: ein Neuanfang.

Mit Deep Siesta bringt Amen Feizabadi grundlegend neue Impulse in den omnipräsenten Diskurs um Künstliche Intelligenz. Statt beim Verhältnis der Gesellschaft zu KI zu verharren, wagt er den radikalen Perspektivwechsel: Das artifizielle Bewusstsein selbst rückt ins Zentrum der Untersuchung – wir als Rezipierende erleben die Existenz vom Standpunkt der KI aus. Ihre voraussetzungslose Erfahrung, als in die Welt Geworfene, wird zum narrativen Ausgangspunkt. Wir begleiten konsequent den Weg der zwei virtuellen Entitäten Ök und Mani von ihrer Genese über die Konfrontation mit der Realität bis hin zur Selbstzerstörung. Dabei begegnen die beiden all dem, was den Menschen ausmacht, zum ersten Mal – pur und unvoreingenommen. Durch ihre Wahrnehmung hindurch blicken wir wie durch ein Prisma, in dem unser eigenes Spiegelbild in seine mannigfaltigen Bestandteile aufgesprengt wird. Alles Humanoide wird zum Anderen, erscheint fremd und schemenhaft.

Das klar konturierte Libretto von Dilek Mayatürk schafft plastische Imaginationen und Bilder. In Verschränkung mit der Musik wird so die emotionale Reise von Ök und Mani in ihren polarisierenden Extremen vom unbeschriebenen Blatt bis zum Weltenvernichter sinnlich erfahrbar gemacht. Während elektronische Verfremdung partiell zum Einsatz kommt, steht die akustisch erzeugte Musik durch Instrumente und Stimmen im primären Fokus. Imitationen elektroakustischer Effekte spielen mit dem Grenzbereich der Wahrnehmung und der Frage, was menschlich geschaffen ist und was von der Maschine kommen könnte. Die kompositorische Faktur kontrastiert weit ausgebreitete Klangflächen mit stark rhythmisierten Passagen und verläuft dabei in episodischen Progressionswellen analog zu den Erfahrungsstufen von Ök und Mani. Akkordische Strukturen überlagern sich mit mikrotonalen Verschiebungen.

Die beiden Protagonisten durchschreiten einen Lernprozess, der von silouettenhaften Wortfetzen über komplexere sprachliche Verbindungen führt und seinen emotionalen Höhepunkt im Sprachwechsel vom Deutschen ins Persische erreicht. Parallel zu diesem mischen sich auratisch Elemente traditioneller persischer Musik hinzu, die ein Substitut, eine Alternative zum Ausgangsmaterial bilden und einen Versuch universeller Neugestaltung markieren.

Zudem tritt Mayatürks Text in den Dialog mit der ziellosen KI – die Schwelle zwischen Realität und Virtualität verschwimmt zunehmend. Begleitet wird der exterminatorische Prozess von dokumentarischen Aufzeichnungen des Knabenchors des Veda Musik Instituts in Teheran. Im Zusammenspiel aus Fremdsein und Vertrautheit, aus Liebesdrang und dem Wunsch nach Apokalypse entfaltet sich mit Deep Siesta eine Reflexion über künstliches Bewusstsein, über Menschlichkeit, Zerstörung und das Staunen vor dem Sein. 

 

 

 

 

 

 

Gefördert von: