Unterrichtsprojekt von Matthias Handschick

Vorbemerkungen

Eine Unterrichtseinheit zu entwerfen zu einem Stück, das erst kürzlich komponiert wurde und noch nicht einmal als Aufnahme im Handel erhältlich ist, gleicht insofern einem Abenteuer, als dass man kaum jemanden um Rat fragen kann, welche Aspekte des Stücks denn überhaupt Gegenstand der pädagogischen Vermittlung sein könnten bzw. sollten, geschweige denn, mit welchen Methoden sich die betreffenden Aspekte des Stücks schülergerecht thematisieren und auf welche Weise sich Zugänge zu dem Stück eröffnen lassen.

Bei der vorbereitenden Auseinandersetzung mit dem Stück "Fiktive Tänze" haben mich verschiedene Dinge fasziniert: die klangliche Vielfalt und Differenziertheit, die sich innerhalb der zum Teil sehr kurzen Sätze entfaltet, das breite Spektrum an Möglichkeiten, musikalische Zeit zu gestalten und zu empfinden, der Umgang mit sich wiederholenden Rhythmus- und Bewegungsmodellen, die für sich genommen jeweils sehr klar und einfach strukturiert sind, zusammengenommen jedoch sehr komplexe Verläufe ergeben, die Verunsicherung, mit der unsere Wahrnehmung auf diese Phänomene reagiert, sowie die präzise Notation, die schon am Schriftbild erkennen lässt, dass es sich um eine unglaublich facettenreiche und ausdifferenzierte Musik handeln muss.

Da es sich bei den "Fiktiven Tänzen" um ein Kunstwerk, das hinsichtlich seiner Rezeption und Deutung in alle Richtungen offen ist, kann es unter den genannten Aspekten des Stücks keinen geben, auf den eine Unterrichtseinheit zwangsläufig hinzuarbeiten hätte. Dementsprechend handelt es sich bei den folgenden Vorschlägen zur Unterrichtsgestaltung um Versuche, sich der Musik von Arnulf Herrmann auf unterschiedliche Weise zu nähern.

Die Annäherungsversuche sind in vier Gruppen unterteilt:

Brainstormings

Die Schülerinnen und Schüler hören die einzelnen Sätze der "Fiktiven Tänze" an und geben nach jedem Satz ihre Höreindrücke wieder. Auf der Suche nach geeigneten Formulierungen reflektieren sie das Gehörte.

Hörkritzeleien

Bei den Hörkritzeleien dürfen die Schülerinnen und Schüler ihrer Phantasie freien Lauf lassen und dabei intuitiv nach strukturellen Entsprechungen suchen.

Optische & Akustische Täuschungen

In den "Fiktiven Tänzen" gibt es an unterschiedlichen Stellen gleichmäßig pulsierende Klangereignisse, die jedoch nicht als gleichmäßig gehört werden, weil der akustische Hintergrund unsere Wahrnehmung stark beeinflusst

Zu den Unterrichtsbausteinen 1

Gleichmäßige & zusammengesetzte Metren

Um die verwendeten Taktarten (1/16+1/4+1/8 oder 1/4+3/16+1/8) mental realisieren zu können, ist es nötig, dass die Schülerinnen und Schüler alle Zählzeiten auf den gemeinsamen 16tel-Nenner bringen und sie als (3+4+2)/16 oder (4+3+2)/16 begreifen lernen. In solcher Strukturierung lassen sich zusammengesetzte Metren sowohl mental realisieren als auch körperlich umsetzen.

Fleischfressende Pflanzen

Eine ganz andere und viel freiere Möglichkeit, sich den »Fiktiven Tänzen« über das körperliche Empfinden zu nähern, besteht in der Durchführung von Bewegungsimprovisationen.

Zu den Unterrichtsbausteinen 2

Mikrointervalle

Die Klangcharakteristik von Mikrointervallen, die die Harmonik der »Fiktiven Tänze« Musik nachhaltig prägen, können Schülerinnen und Schüler anhand eigener Improvisationen oder Kompositionen für verschiedene Instrumente erfahren.

Klavierpräparationen

Gearbeitet wird mit zerschnittenen Radiergummis, Papierstreifen, Plastikfolien und anderem im geöffneten Flügel.

"Monsterparade"

Dem Prinzip der komplexen Überlagerungen einfacher, oft sogar ganz regelmäßiger Strukturen kann man sich mit Schülerinnen und Schülern anhand einer Gruppenimprovisation annähern.

Zu den Unterrichtsbausteinen 3

Informationen aus der Partitur sammeln

Vor der Konfrontation mit dem eigentlichen Notentext sollten die Schülerinnen und Schüler studieren, welche Informationen die Partiturseiten enthalten.

Zeichen klären

Schülerinnen und Schüler notieren auf einem Notenblatt solche Zeichen, deren Bedeutung sie nicht kennen.

Partiturseiten zuordnen

Die Schülerinnen und Schüler sollen herausfinden, von welchem der fünf Sätze sie die jeweils erste Partiturseite in der Hand halten.

Zu den Unterrichtsbausteinen 4

Für jeden der vier Bereiche werden mehrere Vorschläge gemacht. Die hier gewählte Reihenfolge der einzelnen Unterrichtsbausteine ist nicht zwingend. Interessierte Kolleginnen und Kollegen seien ermuntert, selbst auszuwählen, was ihnen für ihre Klassenstufe und spezifische Schülergruppe brauchbar erscheint und was nicht.

Am Hans-Thoma-Gymnasium Lörrach wurde die Unterrichtseinheit in einer siebten Klasse durchgeführt, die sowohl in Bezug auf die Leistungsfähigkeit als auch in Bezug auf das Sozialverhalten ausgesprochen inhomogen zusammengesetzt ist und deren Schülerinnen und Schüler kaum über Vorerfahrungen mit Neuer Musik verfügen. Dementsprechend wurden mehrere Unterrichtsbausteine in kleine Gruppen verlegt, in denen sich die Schülerinnen und Schüler ihren Neigungen und Veranlagungen gemäß mit der Musik Arnulf Herrmanns auseinandersetzen konnten. Prinzipiell sind alle Unterrichtsbausteine aber auch im Klassenverband denkbar.

Geeignet sind die Unterrichtsbausteine für Schülerinnen und Schüler ab Klassenstufe 7. Da die einzelnen Module frei auswählbar und miteinander kombinierbar sind, kann je nach Situation entschieden werden, welchen zeitlichen Umfang die Unterrichtseinheit einnehmen soll.

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